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Ansteckung Tollwut durch Menschen

Kategorie: Infektionen » Expertenrat Infektions- und Reisemedizin | Expertenfrage

15.08.2019 | 22:21 Uhr

Schönen guten abend, ich habe folgendes Problem...

meine Freundin war vor ein paar Wochen in der Türkei und keinen halt vor Streuner etc gemacht. Ich hatte zufällig das Thema Tollwut mit einer Person in einer Diskussion und mir ist spontan aufgefallen, dass meine Freundin in der Türkei ausgiebig fremde Tiere von der Straßen gestreichelt hatte. Daraufhin hab ich selbstverständlich gefragt, ob es viele waren. Darauf kam dann die Antwort die mich komplett schockierte. Sie hat die Tiere teilweise umarmt und einer Katze (die anscheinend nicht so gepflegt aussah und erst junge zur Welt gebracht hatte) einen Kuss gegeben (wahrscheinlich auf den Kopf). Mir lief wortwörtlich ein Schauer über den Rücken. Jetzt hat sie natürlich auch etwas Angst sich mit Tollwut infiziert zu haben. Bis jetzt geht es ihr super und eigentlich ist alles okay. Ich persönlich denke trotzdem, es wäre gut, wenn sie zum Arzt gehen würde. Nur gäbe es jetzt noch Chancen, etwas im schlimmsten Falle zu unternehmen? Das frage ich mich, da ich mir echt Sorgen mache. Selbstverständlich muss man nicht vom worst case ausgehen, aber irgendwie kommt mir die Situation echt ziemlich schlimm vor.

 

Ich persönlich war ein paar Tage nach ihrer Rückkehr aus der Türkei bei ihr zu Hause. Jetzt hab ich selbst natürlich Angst, mich auch infiziert zu haben. Ich hab gelesen, dass man erst nach Ausbruch der Krankheit ansteckend seie, aber ich weiß wirklich nicht, ob das wirklich so stimmt. Wir haben zusammen essen gemacht (nur ein dessert, ohne etwas zu erhitzen), zusammen gegessen, die Haare gemacht, uns eine Toilette geteilt und sie hat mir auch ein paar Dinge mitgebracht. Sie hat mir dazu auch Tee gekocht. Sind die Gegenstände die sie mir gegeben hat jetzt quasi kontaminiert? Ich hab auch ausversehen nach Kontakt mit den Gegenständen mein Finger am meinem Mund gehabt etc. Das sind alles Dinge die mir so auffallen. Da können natürlich noch ne Menge Dinge sein, die ich eventuell vergessen habe.

Also ist meine Frage - Kann meine Freundin noch Hilfe im Notfall finden und kann ich mich angesteckt haben? Das Treffen ist am kommenden Sonntag 2 Wochen her. Dazu ist mein immunsystem allgemein seit Wochen geschwächt, da ich momentan ständig krank bin. Ist es selbst im schlimmsten Fall möglich, sich angesteckt zu haben? Sollte ich die Dinge Weg packen? Zumbeispiel hat die Kette, die sie mir geschenkt hatte, haben meine Ohrringe die ich benutze berührt. Ich hab keinen Ahnung ob diese dadurch kontaminiert sind. Ist man erst nach Ausbruch der Krankheit wirklich ansteckend? Alles offene Fragen. Eventuell würde eine Antwort auf diese Fragen weiter helfen, wenn sie jemand der wirklich Ahnung hat beantworten könnte. Ich versuche mich bis dahin noch etwas mehr zu beruhigen, auch wenn dies etwas schwieg ist.

 

danke im voraus und ihnen noch einen schönen tag/abend LG

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Experte-Leidel
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16.08.2019, 14:18 Uhr
Antwort von Experte-Leidel

Guten Tag,

bei einem Kontakt mit einem tollwutverdächtigen oder tollwütigen Wild- oder Haustier oder einer Fledermaus werden drei Gefährdungsgrade unterschieden, die unterschiedliche Maßnahmen erforderlich machen:

Grad I:

Berühren/Füttern von Tieren, Belecken der intakten Haut: keine Maßnahme erforderlich.

Grad II:

Nicht blutende, oberflächliche Kratzer oder Hautabschürfungen, Lecken oder Knabbern an der nicht intakten Haut: Es wird eine postexpositionelle (nachträgliche) Impfung empfohlen (PEP).

Grad III:

Bissverletzungen oder Kratzwunden, direkter Kontakt von Schleimhäuten oder Wunden mit Speichel (z. B. durch Lecken), Verdacht auf Biss oder Kratzer durch eine Fledermaus oder Kontakt der Schleimhäute mit einer Fledermaus: PEP mit zuzsätzlicher Gabe eines Antiserums.

Zwar gibt es in der Türkei gelegnentlich mal Fälle von Tollwut, aber die allermeisten Tiere sind nicht infiziert. Und wenn irgendwo tatsächlich einmal wieder ein Fall auftritt, sprechen die Behörden Warnungen aus und ergreifen Maßnahmen zum Schutz der Menschen. Das geht durch die Medien und sorgt für jede Menge Aufregung

Ich war zwar nicht dabei, aber keines der Tiere zu denen ihre Freundin Kontakt hatte, scheint mir wirklich tollwutverdächtig gewesen zu sein, geschweige denn tollwütig. Wäre das Risiko so, wie Sie offenbar befürchten, wäre die Türkei bald entvölkert.

Also: Ihre Freundin hatte offenbar keinerlei wirklich riskanten Kontakt mit einem Tier in der Türkei. Sie wurde nicht gebissen und - soweit ich Ihrer Schilderung entnehmen kann - auch nicht blutig gekratzt. Und weder Schleimhäute noch offene Wunden wurden wirklich beleckt. Also muss Sie sich überhaupt keine Sorgen machen.

Und für Sie bestand und besteht schon gar keine Gefahr. All das, was sie anführen, überträgt Tollwut nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Jan Leidel

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16.08.2019, 14:39 Uhr
Antwort

Vielen lieben Dank für Ihre schnelle und ausführliche Antwort. Dann bin ich beruhigt, vorallem für meine Freundin, die trotzdem in Zukunft etwas Vorsichtiger sein wird, was sowas angeht. 

 

ich hätte ansonsten noch eine allgemeine Frage zu Tollwut, die mich interessieren würde. Ab wann sind Menschen und Tiere überhaupt ansteckend. Das würde mich mal interessieren.

 

Vielen Dank im voraus LG

Experte-Leidel
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17.08.2019, 09:56 Uhr
Antwort von Experte-Leidel

Guten Tag,

ich habe gestern eine Frage von Miri beantwortet, die auch hinsichtlich Ihrer Frage hilfreich sein kann.

Grundsätzlich geht das Ganze so vor sich, dass die Viren zu über 95% durch einen Biss aus dem Speichel des kranken Tieres in die Wunde eines anderen Tieres oder eines Menschen gelangen. Von dort aus gelangen sie in Nervenzellen und weiter in das Gehirn. Dort vermehren sie sich und gelangen wieder zurück in die Speicheldrüsen und den Speichel. 

Die Zeit von der Infektion bis zum Auisbruch der Erkrankung kann erheblich schwanken, von (selten) ca. 10 Tagen über (meistens) 3 bis 8 Wochen bis (selten) zu einem oder mehreren Jahren. Die Ansteckungsfähigkeit beginnt, wenn die Viren beim infizierten Tier aus dem Gehirn wieder in den Speichel gelangt sind. Das kann je nach Tierart schon wenige Tage vor Ausbruch der Krankheit der Fall sein.

Die Übertragung von Mensch zu Mensch ist ein sehr seltenes Ereignis, weil der tollwutkranke Mensch nicht rumläuft und andere beißt.

Es kam einmal zu einem Sonderfall, bei dem von einem an einer nicht erkannten Tollwut verstorbenen Menschen durch Organspende beim Empfänger eine tödliche Tollwuterkrankung auftrat.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Jan Leidel

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10.09.2019, 16:57 Uhr
Kommentar

Vielen Dank für Ihre Antwort.

 

Was mich noch interessieren würde ist, wie lange diese Viren draußen überleben. Zumbeispiel auf Oberflächen oder andere Dinge.

 

Vielen Dank im voraus LG

Experte-Leidel
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10.09.2019, 20:12 Uhr
Antwort von Experte-Leidel

Guten Abend,

Viren sind streng genommen keine Lebewesen. Sie bestehen nur aus der Erbinformation und einer Kapsel, zu der in einigen Fällen (z. B. TW) noch eine weitere fetthaltige Hülle kommt. Sie können sich nicht selbst fortbewegen und haben keinen Stoffwechsel.

Wie lange sie in der Umwelt eine mögliche Infektiosität behalten, hängt von Temperatur, Feuchtigkeit, UV-Einstrahlung (Sonne) und anderen Faktoren ab. Im Labor kann unter für das Virus günstigen Bedingungen eine theoretische infektiosität noch nach einigen Tagen bestehen.

Aber davon unabhängig, können sie nicht aktiv infizieren. Selbst, wenn sie noch infektionstüchtig sein sollten, müssen sie in irgendeiner Weise aktiv in eine Wunde oder drgl. eingebracht werden.

Und das geschieht im wirklichen Leben so gut wie nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Jan Leidel

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10.09.2019, 22:05 Uhr
Antwort

Guten Abend,

 

also sterben die TW Viren je nach Umständen innerhalb einiger Tagen oder Wochen ab? Oder können diese Viren in der Umwelt ewig überleben? Ich bin ehrlich gesagt noch etwas ängstlich was die Sache angeht, vorallem wegen den Gegenständen. Diese sind nicht direkt mit einem Tier infiziert worden, aber es beunruhigt mich trotzdem etwas, auch wenn dies logisch keinen Sinn macht. 

 

 

LG und vielen dank im voraus 

Experte-Leidel
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11.09.2019, 11:38 Uhr
Antwort von Experte-Leidel

Guten Tag,

wie ich schrieb, "sterben" Viren nicht, weil sie auch nicht "leben". Sie verlieren ihre Infektiosität und zwar in Abhängigkeit von Temperatur, Feuchtigkeit, UV-Einstrahlung (Sonne) und anderen Faktoren. Von "ewig überleben" kann also keine Rede sein.

Was die Möglichkeit indirekter Übertragung betrifft, sagen Sie eigentlich selbst das Richtige: Es macht logisch keinen Sinn und ich möchte hinzufügen: Es ist auch gar nicht möglich.

Ich möchte ihnen nicht zu nahe treten, aber ich denke darüber nach, warum Sie sich selbst gegen alle Vernunft und unabhängig von meinen Antworten derart um sich selber sorgen. Um Ihre Freundin, die immerhin unmittelbaren Kontakt mit Tieren hatte, scheinen sie Sich eher wenig Sorgen zu machen. Verstehen Sie mich nicht falsch, auch ich bin sicher, dass Ihre Freundin nicht wirklich ein Risiko eingegangen iat. Aber Sie natürlich erst recht nicht.

Ich bitte um Ihr Verständnis, wenn ich weitere Fragen Ihrerseits nicht mehr beantworte. Wenn Sie sich wieder sorgen, lesen Sie einfach noch mal meine bisherigen Antworten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. jan Leidel

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