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Masernimpfung bei Frühchen

Kategorie: Allgemeinmedizin » Expertenrat Impfungen | Expertenfrage

28.10.2019 | 10:28 Uhr

Sehr geehrter Herr Dr. Leidel,

vielen Dank für die Beantwortung meiner letzten Fragen.

Die Babys ist noch länger bei mir Zuhause. Ich nehme sie aus Angst vor Masern nicht einmal in den Kindergarten mit. Ich habe sie nicht gegen Grippe impfen lassen, aber alle anderen. Meine Eltern bilden sich aber jetzt ein, auf die Impfung zu verzichten, weil sie ständig an Infekten gelitten haben, nachdem sie sich letzten Winter impfen haben lassen. Kann ich ihnen sagen, dass das absoluter Blödsinn ist?

Wann kann ich die Beiden (7 Monate) gegen Masern impfen lassen? Mir ist an einem möglichst frühzeitigen Schutz gelegen, aber natürlich auch an der guten Wirksamkeit. Es sind Frühchen (6 Wochen zu früh) und ich bin zweimal geimpft.

Die STIKO macht da ja keine Unterschiede und empfiehlt die vorgezogene Impfung nur in Ausnahmefällen. Würden Sie deshalb zu der regulären Impfung mit 11 Monaten raten?  Wird die Impfung nur wegen des Nestschutzes so spät gemacht oder ist die Wirksamkeit auch aus anderen Gründen gegen Ende des ersten Jahres besser? Nestschutz werden sie vermutlich mit 9 Monaten nicht mehr haben, oder?

Vielen Dank im Voraus.

Wie ich ja schon Mal geschrieben habe, wäre es mein Albtraum, dass sich die Babys mit Masern anstecken, und mache drei Kreuze, wenn beide Impfungen gegeben wurden.

Mit freundlichen Grüßen

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Experte-Leidel
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28.10.2019, 13:49 Uhr
Antwort von Experte-Leidel

Guten Tag Allgäumama,

zunächst zur Impfung gegen Influenza:

Man hört immer wieder, dass jemand sich gegegen Grippe hat impfen lassen und danach besonders häufig an grippeartigen Infekten erkrankte. Einer genaueren Analyse halten diese Aussagen meist nicht stand.

Die Grippeimpfstoffe sind (bis auf einen Lebendimpfstoff, der nur für das Alter von 2 bis 17 Jahren zugelassen ist) sog. Totimpfstoffe, in denen nur nicht mehr infektiöse Bestandteile der Influenzaviren enthalten sind. Eine echte Grippe kann also durch diese nicht auftreten.

Nun könnte es theoretisch sein, dass die Grippeimpfung andere grippale Infekte begübnstigen würde. Dies ist nach allem, was wir wissen, aber nicht der Fall. Geht man der Sach nach, stellt man in aller Regel fest, dass die Geimpften eigentlich ohnehin der Impfung eher skeptisch gegenüberstehen und jeden grippalen Infekt besonders genau registrieren.

Tatsächlich wird die Gefahr durch Influenza bei uns sehr stark unterschätzt. In der (besonders schweren) Grippesaison 2017/18 sind in der Bundesrepublik 334.000 nachgewiesene Erkrankungen aufgetreten, über 60.000 Erkrankte mussten in ein Krankenhaus aufgenommen werden und 1.674 Menschen sind nachweislich an der Grippe/Influenza gestorben (87% davon waren 60 Jahre alt oder älter). Und auch in der (eher milden) Saison 2018/19 waren es 181.127 Erkrankungen und 899 Todesfälle. Wobei das immer nur die Spitze des sog. Eisbergs ist. Denn viele Erkrankungen und Todesfälle werden gar nicht im Labor untersucht.

Zur Impfung gegen Masern:

Die Masernimpfstoffe sind ab dem Alter von neun Monaten zugelassen. Die Ständige Impfkommission beschäftigt sich zur Zeit auch mit der Frage, ob man die Impfung generell ab 9 Monaten empfehlen sollte. Der mütterliche Nestschutz war dafür der wichtigste Grund. Da heute kaum noch Mütter richtige Wildmasern durchgemacht haben, sondern statt dessen selbst schon geimpft sind (was zu einem geringeren und kürzer anhaltenden Nestschutz führt), verliert dieser Grund an Bedeutung. Allerdings gibt es gelegentlich wissenschaftliche Veröffentlichungen, in denen nach einer ersten Impfung mit 9 Monaten nach der zweiten Impfung niedrigere Antikörpertiter und damit geringeren Schutz festgestellt wurden. 

Welche Bedeutung das tatsächlich hat, ist noch nicht ganz klar. Aber ich würde derezeit eher dazu tendieren, ab 11 Monaten zu impfen und ab 9 nur, wenn es einen triftigen Grund gibt, wie z. B. die Aufnahme in eine Kindertagespflege oder ein Ausbruch in der Umgebung. Dass die Zwillinge 6 Wochen zu früh geboren wurden (was bei Mehrlingsschwangerschaften nicht ungewöhnlich ist), erhöht ihr Risiko jetzt wohl nicht mehr.

Noch ein Hinweis: Sollte ein Kind zwischen 9 und 11 Monaten tatsächlich einen Kontakt zu einem Masernpatienten haben, kann man die Ansteckung oft noch verhindern, wenn man innerhalb von drei Tagen nach dem Kontakt (je früher, dest besser) die Impfung durchführt.

Natürlich sind die Masern nicht so harmlos, wie viele Impfkritiker glauben machen wollen. Aber sie sind auch nicht so gefährlich wie es z. B. früher die echten Pocken gewesen sind. Die allermeisten Menschen, die an Masern erkrankt waren, haben es schadlos überstanden. 

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Jan Leidel

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