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Auffrischung 4-fach Impfung - 2 Anteile vorzeitig nachgeimpft

Kategorie: Allgemeinmedizin » Expertenrat Impfungen | Expertenfrage

19.03.2016 | 19:50 Uhr

Wann Auffrischung der 4-fach Impfung, wenn zwei Anteile vorzeitig "nach"geimpft wurden?

Sehr geehrter Herr Dr. Leidel,

ich, weiblich, 61 Jahre -  wurde 2006 gegen Diphtherie, Polio, Tetanus und Pertussis (mit dem 4-fach-Impfstoff: Repevax) geimpft,

dann hatte ich einen neuen Hausarzt (mittlerweile im Ruhestand), der fand den Eintrag im Impfausweis nicht und verpasste mir bereits 2009 eine Auffrischung gegen Tetanus und Diphtherie.

Nun meine Frage:
Trotz alledem bereits 2016 Dreifach-Auffrischung?
(da gegen Pertussis - momentaner Stand des RKI - nur noch 1 Dosis Pertussis-Impfstoff notwendig sei und somit nicht aufgefrischt werden müsse).
Meine Tochter "plant" allerdings in nächster Zeit Nachwuchs - von daher wäre mir eine weitere Auffrischung auch von Pertussis sehr wichtig.

Oder könnte es aufgrund noch vorhandener Gedächtniszellen bzgl. Tetanus und Diphtherie zu einer starken Impfreaktion kommen, so dass erst 2019 Auffrischung empfehlenswert ist?

Allerdings wäre Polio dann 3 Jahre "überfällig" - so lange ist der Puffer bestimmt nicht, oder?

Frage deshalb, weil ich 2015 eine FSME-Auffrischungsimpfung (3 Jahre nach der letzten Auffrischung; Grundimmunisieurng erfolgte 1993) hatte (mit Encepur Erwachsene),
3 Tage später verzögerte Impfreaktion in Form von feuerrotem und glühendem Arm, um die Impfstelle -  hielt ca 2 Wochen an. So eine Reaktion hatte ich vorher noch nie.

Meine Hautärztin hatte mir mitgeteilt, welche Antibiotika gemieden werden sollten, da diese durchaus die Psoariasis zum "Blühen" bringen können/ Schub auslösen können - hierbei auch Tetracycline.
Könnte die Hautreaktion auf Encepur also auch auf die Spuren von Chlortetracyclinen zurückzuführen sein?

Da ich mehrere Autoimmunerkrankungen habe (Psoriasis; Spondylitis ankylosans; Herzklappenveränderung; Schilddrüse- Mb. Basedow - behandelt mit Radiojodtherapie - momentan Euthyreose (gut mit L-Thyxrox eingestellt)),
stellt sich die Frage, ob die Impfwirkung länger anhält.

Nehme keine immunsupprimierenden Medikmante (also keine TNF-alpha-Blocker; keine DMARDs (MTX); momentan keine Glucocorticoide).

Vielen Dank im Voraus.
Mit freundlichen Grüßen

Chelestin55

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Experte-Leidel
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20.03.2016, 15:47 Uhr
Antwort von Experte-Leidel

Guten Tag Chelestin55,

1. Auffrischimpfung mit der 4-fach Impfung:

Die Auffrischung gegen Tetanus und Diphtherie sollte alle 10 Jahre erfolgen. Die Auffrischung gegen Polio wird für jemanden, der eine vollständige Grundimpfung sowie mindestens eine Auffrischung erhalten hat, bei uns nicht mehr routinemäßig empfohlen. Allerdings sollte eine Auffrischung dann erfolgen, wenn die letzte länger als 10 Jahre zurückliegt und eine Reise in ein Land mit Polio-Risiko geplant ist (derzeit besonders Afghanistan, Pakistan, Nigeria, evtl. Indien und weitere afrikanische Länder sowie Länder, in denen aktuell die Polio wieder aufgetreten ist). Die Auffrischung gegen Pertussis hat die STIKO 2009 tatsächlich als einmalige Impfung empfohlen. Sie wird sich aber damit beschäftigen, ob auch diese Auffrischung nicht alle 10 Jahre erfolgen sollte, denn die schützenden Antikörper verschwinden nach Impfung mit dem heute verwendeten, besser verträglichen Impfstoff ziemlich rasch.

Das würde bedeuten, dass Sie erst 2019 wieder eine Auffrischung gegen Tetanus, Diphtherie und Pertussis benötigen, allerdings dann wahrscheinlkich bereits jetzt ohne ausreichenden Schutz vor Pertussis wären. Deswegen ist es ein wichtiger Hinweis, dass Ihre Tochter plant, demnächst Mutter zu werden. Denn tatsächlich sind Neugeborene und junge Säuglinge besonders gefährdet, schwerer zu erkranken, weshalb die STIKO die sog. Kokon-Strategie empfiehlt, also eine Impfung aller engeren Kontaktpersonen zu dem Kind. Auch ihre Tochter sollte sich nochmals gegen Pertussis impfen lassen, bevor sie schwanger wird, wenn die letzte annähernd 10 Jahre zurückliegt. Man kann das ohne Risiko auch nach kürzerer Zeit tun.

Was ist also mein Rat? Legen Sie Ihrer Tochter die Impfung (Tetanus, Diphtherie, Pertussis) ans Herz und lassen Sie sich selbst impfen, bevor das Kind zur Welt kommt. Aber bis dahin können Sie ruhig warten.

2. Heftige Reaktion nach Encepur für Erwachsene:

Ich kann natürlich nicht mit Bestimmtheit sagen, was damals der Grund für diese ungewöhnlich heftige Nebenwirkung gewesen ist. Die sehr geringe Menge an Tetracyclin im Impfstoff scheint mir als Ursache unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher erscheint mir, dass es - wie auch immer - zu einer Infektion der Impfstelle gekommen war, mit der ihr Körper aber gut fertig geworden ist. Wenn Sie in einer Region leben, in der ein hohes FSME-Risiko besteht, würde ich Ihnen raten, sich 2018 wieder impfen zu lassen. Allerdings wissen wir durch neuere Studien, dass ein längerer Abstand zwar den Schutz geringer werden lässt, dass dieser Schutz dann aber nach einer verspätet erfolgten Auffrischimpfung auch schnell wieder vollständig da ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Jan Leidel

 

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22.03.2016, 21:10 Uhr
Kommentar

Sehr geehrter Herr Dr. Leidel,

zuerst vielen Dank für Ihre informative und ausführliche Rückantwort.

Bzgl. Polio und Pertussis möchte ich bitte noch Fragen „nachschieben“, die sich aus Ihrer Antwort ergeben haben:

Weshalb wird die Polio-Impfung nicht mehr routinemäßig empfohlen?
Meine Frauenärztin – empfiehlt nur Schwangeren nicht die Polio-Impfung  (wenn eine vollständige Grundimmunisierung sowie mindestens eine Auffrischung vorliegt)
Gerade auch im Hinblick auf die vielen Einwanderer sehe ich es mit großen Bedenken, dass die Polio-Impfung nicht mehr aller 10 Jahre durchgeführt wird.
Darüber hinaus, weiß ich aufgrund meiner Autoimmunerkrankungen nicht, ob der Impfschutz gegen Polio über 10 Jahre hinaus wirksam ist.

Gibt es eine Impfung ausschließlich gegen Pertussis – oder so wie Sie schreiben „nur“ die Kombination mit Tetanus und Diphtherie kombiniert?
Wäre mit einer verstärkten Impfreaktion zu rechnen, wenn bereits jetzt diese Drei-Kombination gegeben würde?

Meine Tochter ließ sich voriges Jahr impfen – teilte dem Hausarzt auch mit, dass Kinderwunsch besteht und sie deshalb die 4-fach-Impung möchte – aber es wurde auf das epidemiologische
Bulletin Nr. 34 vom 25.08.2014 vom RKI verwiesen - wonach nur noch 1 Dosis Pertussis-Impfstoff notwendig sei und somit nicht aufgefrischt werde/ werden müsste. Selbst der „Spezialfall“ Kinderwunsch wurde nicht berücksichtigt.
Monovalenten Pertussis-Impfstoff gibt es leider nicht – so dass „unnötig“ die anderen Komponenten noch einmal mitgeimpft werden müssen.
Kann es hierbei zu verstärkten Impfreaktionen kommen?


Weshalb sind in Impfstoffen (z.B. Encepur für Erwachsene) teilweise geringe Mengen an Antibiotika enthalten?


Wünsche Ihnen ein wunderschönes, erholsames, frühlingshaftes Osterfest.
Mit besten Grüßen

Chelestin55

Experte-Leidel
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23.03.2016, 18:01 Uhr
Antwort von Experte-Leidel

Guten Tag Chelestine55,

seit 1988 bemüht sich die WHO in Zusammenarbeit mit allen Staaten, die Polio ebenso vollständig von der Erde zu eliminieren wie es bereits bei den Pocken gelungen ist. Es sieht so aus, als könne 2016 das Jahr sein, in dem das hohe Ziel erreicht werden kann. Allerdings sind Kriege, Terror und andere Schrecken Hindernisse auf diesem Weg. 1988 gab es noch über 35.000 Fälle von Kinderlähmung auf der Welt, 2015 waren es noch 74. Fast alle Länder sind mittlerweile frei von Polio. Europa wurde 2002  als poliofrei zertifiziert. Natürlich besteht immer die Gefahr, dass Polio auch in bereits poliofreien Ländern wieder vereinzelt auftritt, solabge es überhaupt noch Polio auf der Welt gibt. Deswegen impfen wir ja auch durchaus noch weiter. Im Säuglingsalter erhalten unsere Kinder vier Impfungen gegen Polio und im Jugendalter eine Auffrischung. Dadurch wird ein sehr guter Schutz erreicht, der lange anhält und in einem etwaigen Notfall sehr rasch auch wieder aktualisiert werden kann.

Die Menschen, die bei uns Schutz und Asyl suchen, kommen ganz überwiegend aus Ländern, in denen die Polio keine Rolle mehr spielt. Auch aus Afghanistan, wo die Polio noch ganz vereinzelt auftritt, sind Einschleppungen sehr wenig wahrscheinlich. Gleichwohl werden Asylsuchende in den Erstaufnahmeeinrichtungen unter anderem gegen Polio geimpft, genau wie die dort beschäftigten Mitarbeitenden. Es wäre aber völlig unverhältnismäßig, in der gegenwärtigen Situation alle Menschen in Europa regelmäßig gegen Polio aufzufrischen. Das gilt auch für Menschen mit einer eingeschränkten Funktion des Immunsystems.

Einen reinen Pertussis-Impfstoff gibt es nicht mehr. Nein, Sie müssen nicht mit einer verstärkten Impfreaktion rechnen, wenn die nächste Auffrischung bereits jetzt erfolgt. Das ist in mehreren Studien eindeutig belegt worden. Unabhängig davon kann die Impfreaktion mal stärker, mal weniger stark ausfallen. Das hängt z. B. davon ab, ob die Nadel, mit der der Impfstoff aufgezogen wurde, für die Injektion gewechselt wird. Dann sind die Reaktionen oft (nicht immer) eher geringer. Aber gerade die Tetanus- und Diphtherie-Impfstoffe (mit oder ohne Pertussis) sind für etwas stärkere Reaktionen bekannt.

Die STIKO empfiehlt derzeit tatsächlich noch die Auffrischung gegen Pertussis nur einmalig. Aber die Ausnahme ist ausdrücklich ein Kinderwunsch, bzw. absehbare Kontakte zu einem Säugling. Da sollte aufgefrischt werden, wenn die Impfung 10 Jahre oder länger zurück liegt. Wenn Ihre Tochter im letzten Jahr auch gegen Pertussis geimpft wurde, braucht sie jetzt trotz Kinderwunsch keine Auffrischung.

Impfstoffe sind biologische Produkte. Die Zellen oder Gewebe, in denen die Impfviren gezüchtet werden, oder die Nährmedien von Bakterien für die Impfstoffproduktion müssen vor Verkeimungen absolut geschützt werden, sonst kann man alles wegwerfen. Dies geschieht durch steriles Arbeiten und als zusätzliche Sicherheit vielfach durch Antibiotika. Es wird versucht, Rückstände dieser Antibiotika, so gut es geht, aus dem fertigen Impfstoff zu entfernen. Dies gelingt meist nicht vollständig. Aber die verbleibenden Spuren sind so gering, dass man damit selbst bei Allergikern nicht einmal eine Hautreaktion erzeugen könnte. Außerdem werden Antibiotika verwendet, die in der Medizin oder Tiermedizin nicht angewendet werden.

Das war jetzt wieder viel Lektüre für Sie.

Ein schönes Osterfest und freundliche Grüße

Dr. Jan Leidel

 

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25.03.2016, 13:56 Uhr
Kommentar

Guten Tag Herr Dr. Leidel,

ein riesengroßes Dankeschön für Ihre Rückantwort mit vielen Hintergrundinformationen.

Dass es gelungen ist, die Polio fast zu eliminieren, wusste ich ehrlich gesagt bisher noch nicht.

Genau das ist ja das Problem, dass meine Tochter trotz Kinderwunsch – vom Hausarzt voriges Jahr nicht gegen Pertussis geimpft wurde – sondern ausschließlich gegen Polio, Tetanus und Diphtherie.
2005 hatte sie den Impfstoff Repevax (4-fach Impfstoff) – wo die Komponente gegen Pertussis enthalten war.
Somit liegt die letzte Pertussis-Auffrischung 11 Jahre zurück und müsste dringend aufgefrischt werden.
In dem Fall gibt es nur den 4-fach Impfstoff?
Die anderen 3 Komponenten wurden allerdings 2015 aufgefrischt.


Mit besten Grüßen
Chelestin 55

Experte-Leidel
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25.03.2016, 15:50 Uhr
Antwort von Experte-Leidel

Guten Tag Chelestin 55,

ja, Ihre Tochter sollte sich jetzt, vor Eintritt einer Schwangerschaft nochmals gegen Pertussis aufrfrischen lassen. Und das heißt in erster Linie mit dem 3-fach Impfstoff (Tetanus, Diphtherie und Pertussis). Es gibt derzeit zeitweise Lieferengpässe bei einigen Impfstoffen. Wenn der 3-fach Impfstoff nicht verfügbar ist, sollte der 4-fach Impfstoff (mit zusätzlich Polio) genommen werden.

Es kann sein, dass der Hausarzt Ihrer Tochter die Impfung gescheut hat, weil er sich nicht sicher war, ob die Krankenkasse die Kosten der Impfung übernehmen würde. Man muss hier zwischen einer sog. Standardimpfung und einer Indikationsimpfung (Impfung aus besonderem Anlass) unterscheiden. Als Standardimpfung bezahlt die gesetzliche Krankenversicherung derzeit tatsächlich nur eine Auffrischung mit Pertussis-Komponente im Erwachsnenalter. Aber in der Schutzimpfungsrichtlinie, die festlegt, welche Leistungen die Kassen übernehmen müssen, ist die Auffrischimpfung gegen Pertussis als Indikationsimpfung eindeutig vorgesehen: 

"Sofern in den letzten zehn Jahren keine Pertussis-Impfung stattgefun- den hat, sollen

- Frauen im gebärfähigen Alter,

- enge Haushaltskontaktpersonen (Eltern, Geschwister) und Betreuer (z. B. Tagesmütter, Babysitter, ggf. Großeltern) möglichst vier Wochen vor Geburt des Kindes eine Dosis Pertussis-Impfstoff erhalten.

Erfolgte die Impfung nicht vor der Konzeption, sollte die Mutter bevor-zugt in den ersten Tagen nach der Geburt des Kindes geimpft werden."

Es kann sein, dass die Kasse nur die Impfung mit dem 3-fach Impfstoff übernimmt, weil die Polioimpfung unnötig und damit unwirtschaftlich wäre. Aber ich habe gerade noch einmal nachgeschaut: Der 3-fach Impfstoff Boostrix® des Herstellers GSK ist derzeit offenbar lieferbar. Die gleichwertigen Produkte der Fa. Sanofi Pasteur MSD (Covaxis®) und der Fa. Baxter (TdaP-Immun®) sind derzeit allerdings offenbar nicht verfügbar. 

Ihnen und ihrer Familie wünsche ich ein gesegnetes Osterfest und Ihrer Tochter alles, alles Gute für ihre Planungen.

Herzliche Grüße

Dr. Jan Leidel

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26.03.2016, 12:06 Uhr
Kommentar

Einen wunderschönen guten Tag Herr Dr. Leidel,

recht herzlichen Dank für ihre Rückantwort, damit haben Sie sehr weitergeholfen.
Meine Tochter wird nach Ostern gleich die Frauenärztin ansprechen.

Ihnen nochmals vielen lieben Dank, ein schönes frühlingsblumensprühendes Osterfest und alles erdenklich Gute.

Danke, dass es Sie gibt.

 

Mit besten Grüßen
Chelestin 55

Experte-Leidel
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26.03.2016, 16:57 Uhr
Antwort von Experte-Leidel

Guten Tag Chelestin 55,

haben sie vielen dank für das freundliche feed-back. Auch ich wünsche ihnen und ihrer familie ein wunderschönes Osterfest und viel Glück und Freude im Leben.

herzliche Grüße

Dr. Jan Leidel

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