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Herzinsuffizienz/ Sepsis - Fehler der Ärzte?

Kategorie: Herz-Kreislauf » Expertenrat Herz- und Kreislaufbeschwerden | Expertenfrage

13.07.2020 | 15:12 Uhr

Hallo,

ich hoffe Sie können mir meine Fragen beantwortet, weil ich wirklich nicht mehr weiter weiß.

Mein Vater (52 Jahre) kam in die Notaufnahme. Obwohl er eine NSTEMI-Hebung hatte, wurde ein stiller Herzinfarkt durch die Blutwerte festgestellt. Am nächsten Tag sollte bei meinem Vater in die mittlere Herzarterie ein Stent eingebracht werden. Während dem Eingriff konnte der Führungsdraht erst bei dem 7. Versuch eingeführt werden. Das lag laut dem Arzt daran, weil die Hauptstammarterie (bei der die 3 Arterien verbunden werden) von meinem Vater sehr kurz war. In die mittlere Arterie sollte ein Stent eingebracht werden, jedoch ist der Arzt mit dem Führungsdraht in die ganz linke Arterie die bei meinem Vater die größte Funktion gebracht hatte hinein und hat diese eingerissen. Nach 3,5 h Eingriff, hat der Arzt alles wieder in Ordnung gebracht, aber trotzdem bekam mein Vater auf der Stelle Thrombosen, der Arzt musste die Thrombosen in eine andere Richtung wegblasen.

Nach insgesamt 4 h Stent-Eingriff, ging es meinem Vater sowie es aussah gut. In der Nacht haben sich die Thrombosen trotz Aggrastat nochmal gebildet und der Infarkt hat nun den ganzen linken Herzmuskel beschädigt. Mein Vater kam sofort in das künstliche Komma, er wurde mit der ECLS-Anlage unterstützt. Nach 4 Tagen ging es meinem Vater nicht besser, sein Herz kam einfach nicht zu sich und war sehr geschwächt. Es war die Rede von der Impella-Pumpe und einer künstlichen Herzpumpe mit den Gürtelbatterien. Jedoch nachdem festgestellt wurde, dass mein Vater im hinteren linken Hirn einen Schlaganfall hatte, kamen die Pumpen doch nicht mehr in Frage, weil dass durch das Verdünnen des Blutes weitere Schlaganfälle auslösen könnte.

Bei meinem Vater wurde auch eine Mitralinsuffizienz festgestellt, aber das wurde gut gelöst, indem er einen Mitralclip bekommen hat. Nach diesem Eingriff mussten wir nun warten bis er nicht mehr auf die ECLS-Anlage angewiesen ist. Es ging ihm auch jeden Tag besser, sodass die Sedierung und die Narkose immer weniger wurden. Er hatte auch mit Händedruck auf die Fragen der Pfleger geantwortet und seine Augen zwischendurch geöffnet.

Nach 12 Tagen künstliches Koma, kam mein Vater endlich von der ECLS-Anlage weg. Wir und auch die Ärzte hatten riesen Hoffnung, dass er in weniger Tagen aufwacht und zu sich kommt. Nach der ECLS Explantation waren die Werte von meinem Vater in Ordnung, nur er war etwas gestresst, weil er sich erst daran gewöhnen musste.

Am nächsten Tag habe ich im Nachhinein mitbekommen, dass die Ärzte mein Vater, da es ihm ja besser ging, um 15 Uhr in eine andere Station verlegt haben, ohne uns darüber zu informieren. Als ich die Ärzte endlich am Abend erreicht hatte (wegen Corona war alles nur telefonisch möglich) habe ich mitbekommen, dass mein Vater im Herzkatheterlabor sei und die Impella-Pumpe bekommen sollte und mir wurde auch gesagt, dass er zum zweiten Mal reanimiert wird.

Um 16 Uhr ging es meinem Vater schlechter, bei ihm wurde Sepsis festgestellt, als letzte Maßnahme hat der Arzt die Impella-Pumpe eingeführt, trotzdem hatte mein Vater einen Multiorganversagen. Die Pumpe hat am Herz bis zum Schluss noch gepumpt, jedoch war sein Kreislauf leider schon Tod.

Wieso hat der Arzt ganz am Anfang den Führungsdraht nicht richtig rein bekommen, lag es wirklich an der kurzen Hauptstammarterie? Weil vor 10 Jahren wurde bei meinem Vater Angio durchgeführt und damals ging der Führungsdraht ohne Komplikationen in die Arterie hinein. Der Arzt ist auch erst seit 1,5 Jahren ein Oberarzt.

Ab wann bekommt man einen Mitrallclip? es war schon seit Tag eins im künstlichen Koma klar, dass die Mitralklappe leichtgradig beschädigt ist, man hat erst darauf reagiert, als die Insuffizienz sehr hochgradig war. Wäre es eventuell anders gelaufen, wenn mein Vater den Mitralclip früher bekommen hätte, dann wäre er vielleicht nicht so lange an der ECLS-Anlage und hätte vielleicht keinen Schlaganfall und Sepsis erlitten, weil er eventuell früher aufgewacht wäre und auch die Pumpe bekommen hätte?

Und wieso haben die Ärzte mein Vater schnell verlegt, war das der Grund das er Sepsis bekommen hat? Wie kam der Sepsis zustande bei ihm, muss das nicht in der Intensive Station regelmäßig überprüft werden? Hat man das eventuell zu spät erkannt, sodass mein Vater in wenigen Stunden an Sepsis verstorben ist? Und was hätten man eigentlich dagegen tun sollen?

Seitdem habe ich kein normales Leben mehr, ich denke nur noch an den ganzen Ablauf und an die ganzen Fragezeichen.

Grüße

Derya

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Bisherige Antworten
Lifeline Gesundheitsteam
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15.07.2020, 21:03 Uhr
Antwort von Lifeline Gesundheitsteam

Hallo Derya,

was Sie berichten, ist eine tragische Geschichte, wir wollen Ihnen unser tiefes Beileid ausdrücken. Einen nahen Angehörigen zu verliegen, ist immer eine schwere Erfahrung. Ganz besonder schwierig wird es aber, wenn es so unvorbereitet geschieht. Wir wollen gerne versuchen Ihnen zu helfen und sind auch gerne bei weiteren Anliegen für Sie da.
Ihre Fragen wollen wir gerne so gut und objektiv wie möglich beantworten: Warum der Arzt mit dem Führungsdraht anfangs nicht dorthin kam, wo er wollte, lässt sich schwer sagen. Wahrscheinlich machte die kurze Hauptstammarterie zu schaffen, möglicherweise kamen noch andere Faktoren hinzu. Dabei ist zu bedenken, dass Ärzte eigene Stärken und Schwächen haben. Möglicherweise hat dies dem früheren Arzt keine Schwierigkeiten gemacht, vielleicht hatte er aber auch nur "Glück". Die Kompetenz des Arztes insgesamt und beim Herzkatheter lässt sich daraus nicht ableiten. Auch die Dauer, die er bereits Oberarzt ist, ist nicht entscheidend, da er auch als Assistenzarzt den Eingriff schon öfters durchgeführt haben könnte, als andere Oberärzte. Auch wenn wir Ihren Kummer gut verstehen können, eine Schuldzuweisung kann hier nicht unbedingt getroffen werden, auch wenn diese manchmal vielleicht ein Gefühl der Erleichterung bringen könnte.
Der Mitraclip wird eingesetzt, um eben eine nicht vollständig schließende Mitralklappe zu reparieren. Hat der Arzt Bedenken, dass das Herz sich aufgrund des Klappenfehlers zu sehr anstrengt und trotzdem nicht genügend Leistung bringen kann, ist eine Sanierung natürlich eine gute Behandlungsidee. Der Vorteil der Clips ist, dass dieser keine Operation mit Brustkorberöffnung notwendig hat. Trotzdem ist der Eingriff eine Belastung, die man so gut wie möglich bei einem geschwächten Menschen verhindern will. Erst, wenn der Klappenfehler behandelt werden muss und Medikamente alleine keinen ausreichenden Effekt hat, entschließt man sich hierzu. Ob man alles hätte anders machen können und ob es dann anders verlaufen wäre, ist leider rein spekulativ. Es ist davon auszugehen, dass die Ärzte nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt haben.
Was der Grund für die Verlegung und für die Sepsis war, wissen wir natürlich nicht. Eine Sepsis ist für jede Abteilung eine Herausforderung und es gibt unzählige Hygienemaßnahmen, um einer Sepsis vorzubeugen. Die Anzahl konnte damit deulich gesenkt werden, sehr selten kommt es aber leider dazu. Die Ursachen lassen sich dann oft nicht mehr ausfindig machen, erst bei einer Häufung ist von einem Systemfehler auszugehen. Es ist gut möglich, dass man die Sepsis zu spät erkannt hat, der Grund liegt aber eben genau darin, dass diese so selten geworden sind. Explizit zeigen tut sich die Sepsis aber meistens erst, wenn es zu spät ist (das ist quasi definitionsgemäß so). Die Behandlung besteht dann darin, dass man Antibiotika gibt, in der Hoffnung, dass der verursachende Keim davon bekämpft wird, zusätzlich behandelt man die Symptome, wie Flüssigkeitsmangel und Sauerstoffmangel, gegebenenfalls müssen Blutkonserven gegeben werden oder eine Dialyse angefangen werden etc. .
Da Sie unter den Umständen stark zu leiden scheinen, empfehlen wir Ihnen, stark im Austausch mit anderen Betroffenen zu bleiben. Falls langfristig eine gereizte oder gedrückte Stimmung vorliegt, sollten Sie sich eventuell Hilfe bei der Trauerbewältigung holen. Wir wollen Ihnen nochmal unser Mitgefühl ausdrücken und wünschen Ihnen alles Gute.

- Ihr Lifeline Gesundheitsteam

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17.07.2020, 15:34 Uhr
Kommentar

Hallo,

ich bedanke mich vielmals für Ihre Antwort.

Mir hat das momentan sehr viel geholfen, eine Meinung von einem außenstehenden Experten zu lesen.

Ich mochte natürlich keinen Arzt beschuldigen, aber man stellt sich nun mal automatisch diese Fragen, was wäre, wenn…

Vielen Dank für Ihr Rat.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag noch.

Lifeline Gesundheitsteam
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20.07.2020, 00:28 Uhr
Antwort von Lifeline Gesundheitsteam

Hallo Derya,

es freut uns sehr, dass wir Ihnen helfen konnten. Wir hoffen, dass Sie Ihre Trauer bald überwinden können und es Ihnen bald besser geht. Zögern Sie nicht, uns bei weiteren Fragen wieder zu kontaktieren, wir sind gerne wieder für Sie da.

Weiterhin alles Gute - Ihr Lifeline Gesundheitsteam

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