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Chininsulfat bei Fibro

Kategorie: Knochen-Gelenke » Expertenrat Gelenkbeschwerden/Rheuma | Expertenfrage

26.06.2007 | 03:14 Uhr

Hallo liebe Experten,
können Sie mir etwas sagen zur Wirksamkeit von Limptar bei Fibromyalgie?
Haben Sie Erfahrung mit diesem Medikament?
Scheint der neue Hoffnungsschimmer für Fibro zu sein.?

Vielen Dank für Ihre Mühe
Vera

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27.06.2007, 08:42 Uhr
Antwort

Hallo Vera!

Limptar, Wirkstoff Chininsulfat ist seit langer Zeit im Handel. Es dämpft die Übererregbarkeit von Muskulatur und wirkt besonders gut auf muskuläre Krämpfe. Die Fibromyalgie ist keine Muskelkrampfkrankheit. Eine Muskelfaserübererregbarkeit existiert nicht. Das Medikament ist weder für die Anwendung bei Fibromyalgie getestet noch zugelassen. Chronische Schmerzen, wie sie auch bei Fibromyalgie vorhanden sind, bieten leider immer wieder periodisch Anlaß für Medikamentenwerbung ohne wissenschaftlichen Wirknachweis für diesen Zweck.
Meist handelt es ich um kommerziell lancierte Berichte, dabei können Beschwerdelinderungen durchaus vorkommen. Wissenschaftlich gesehen, übersteigt der Nutzen jedoch nie die Placebowirkung (25-30% der Patienten beschreiben eine vorübergehende maximal 25 % Besserung, ohne daß ein Wirkstoff tatsächlich Wirkung entfaltet!)
Chininsulfat kann Ohrgeräusche, Sehnervschädigungen, Anämien, eine sehr schwere Muskelschwächekrankheit, die Myasthenia gravis hervorrufen sowie alle möglichen Allergien, zentralnervösen Nebenwirkungen, Übelkeit, Erbrechen, Herzrhythmusstörungen und Leberfunktionsstörungen. Das Risiko der Einnahme übersteigt bei weitem den Nutzen. Ich rate davon ab.
Die Fibromyalgie behandelt man am besten mit einem harmonischen Leben ohne Überlastung, mit regelmäßigem Sport und einer gewissen Gelassenheit gegenüber der Tatsache, daß der Köper im eigenen Fall früher zu Muskelschmerz neigt als bei dem Durchschnitt der Bevölkerung.
Achtsamkeitstraining, Entspannungstraining und Kneippsche Anwendungen sind hilfreich ohne Nebenwirkung.

Herzliche Grüße
Dr. Sylvia Meske

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27.06.2007, 14:14 Uhr
Antwort

Hallo Frau Dr. meske,

danke für die ausführliche Antwort.
In einer Studie (Anwendungsbeobachtung) wurden 105 Fibropatienten 5 Wochen behandelt, dabei wurden ausgeprägte Effekte auf generalisierte Muskelschmerzen, die Zahl der Tenderpoints, das Auftreten von Wadenkrämpfen, das Restless-leg-Syndrom und auf Schlafstörungen nachgewiesen. 86,6% der Ärzte und 84,5% der Patienten beurteilten die Wirkung mit gut bis sehr gut.
Nun ist das zwar nicht placebokontrolliert, aber kann man das einfach so wegwischen?

Den Ratschlag, ein harmonisches Leben mit Gelassenheit gegenüber den Schmerzen zu führen, finde ich fast zynisch: gerade diese Schmerzkrankheit ist es ja, was jegliche Harmonie und Gelassenheit im Keim erstickt.

Gruß
Vera

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28.06.2007, 09:50 Uhr
Antwort

Hallo Vera!

Nicht Placebokontrollierte Studien bzw. nicht gegen ein sicher wirkendes Medikament verblindete Studien kann und soll man in der Tat vom Tisch wischen. Das Leid des Menschen wird leider zu oft ausgenutzt von merkantilen Interessen. Gerade Studien, die von Verbesserungen über 80% sprechen und dann auch noch von sehr guten Effekten, sind eher mit sehr, sehr großer Vorsicht zu genießen. Wissenschaftlich saubere Studien sind schon froh, wenn Sie bei 25 % der Patienten eine 50% Wirkung erzeugen können, die statistisch über einem bekannten Effekt liegt. Dabei ist der bekannte Effekt bereits genutzter Medikamente oft nur geringfügig schlechter. Eine Studie über 5 Wochen sagt leider nichts aus. Es ist bekannt, daß nahezu jede Therapie von Akupunktur, über Bachblüten, bis hin zu Antidepressiva bis zu 3 Monate Besserung bei Fibromyalgie bringt - danach ist dann alles beim Alten. Der Effekt scheint eher eine Kombination von guter Betreuung im Rahmen der Studie, erstmaliger Akzeptanz durch einen Arzt und Hoffnung zu sein.
Mein Hinweis auf das Annehmen der Schmerzen ist alles andere als zynisch gemeint. Ernst zu nehmende Studien stellen die psychologische Schmerzbewältigung in das Zentrum der Therapie, dazu muß man aber in der Tat bereit sein, Schmerz auch zu akzeptieren. Solange Schmerzfreiheit Ziel der Fibromyalgietherapie ist, scheitert sie. Leider ist das so. Dennoch kann man mit einem versierten schmerztherapeutisch arbeitendem Arzt selbstverständlich im Einzelfall auch Therapieversuche unternehmen, die nicht wissenschaftlich abgesichert sind und sozusagen offlabel - also ohne Zulassung durch die Gesundheitsbehörden - erfolgen. In Einzelfällen kann es sogar helfen.
Problem ist, sowohl Wirkung wie Nebenwirkung kann in diesem Fall nicht sicher abgeschätzt werden. Sie müssen sich dann des Risikos bewußt sein, sozusagen Versuchskaninchen auf eigenen Wunsch zu sein, und oft setzen eben nicht wissenschaftlich abgesicherte Behandlungen eine erschöpfende Therapiesuche in Gang, weil man alle paar Wochen mit viel Zeit und Geld auf der Suche ist, nach dem schmerverhindernden Medikament, was es nicht gibt.
Die Fibropatientinnen, die lernen, mit dem Schmerz positiv zu leben und das Leben dennoch zu genießen und eher ohne Medikamente durch Lebensumstellung das Ziel erreichen, sind letztendlich besser dran.
Fibromyalgie ist keine Krankheit in dem Sinne, wie etwa eine Bronchitis oder Blinddarmentzündung eine Krankheit darstellt. Es gibt nicht eine Ursache und eine Therapie und einen einheitlichen Verlauf, der durch die gesicherte Therapie abgekürzt, verbessert oder geheilt wird.
Fibromyalgie ist vielmehr der Schrei der Muskulatur als System nach Hilfe. Fibromyalgie entwickelt sich aus einer Vielzahl individueller körperlicher, seelischer und sozialer krankmachender Prozesse, die man individuell aufklären und multidisziplinär angehen muß. Dazu gehört neben der von mir gepriesenen Akzeptanz des Schmerzes eine psychologische Betreuung, eine Verbesserung von Arbeitsplatz-, familiären und allgemeinen Umständen, eine Eliminierung krankmachender Lebensumstände, zu denen u.a. Genussgifte, vitalstoffarme Kost oder Schlafmangel gehören können, und eine deutliche Verbesserung der körperlichen Fitness durch gezieltes aerobes Training.
Der Schmerz, den ein Fibropatient verspürt, ist identisch mit dem Schmerz des Marathonläufers nach dem Wettkampf, nur daß die muskuläre Leistungsfähigkeit des Fibropatienten bei 0,5-0,7 Watt/ Kg Körpergewicht liegt, die des Maratholäufers jedoch bei 3-6 Watt/ Kg Körpergewicht. Medikamente können nur den Schmerz vorübergehend dämpfen. Heilen kann nur das bio-psycho-soziale Veränderungskonzept.

Herzliche Grüße
Dr. Sylvia Meske

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28.06.2007, 12:53 Uhr
Antwort

Sehr geehrte Frau Dr. Meske,
vielen, vielen Dank für Ihre Antwort.
Ich bin überwältigt, wieviel Mühe Sie sich gemacht haben, um mir Ihren Standpunkt deutlich zu machen.
Wenn ich könnte, würde ich noch heute bei Ihnen auf der Matte stehen, um mich von Ihnen behandeln zu lassen.
Leider ist es sehr schwierig, Ärzte zu finden, die einem eine solche multidisziplinäre Therapie anbieten können.
Aber Sie haben mir auf jeden Fall nochmal einen Anstoß gegeben, meine ganze Situation und meine Therapie zu überdenken.

Viele Grüße
Vera

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02.07.2007, 09:05 Uhr
Antwort

Hallo Vera!

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg mit Ihrer Krankheitsbewältigung und einen betreuenden Arzt, der Sie ernst nimmt. Danke für die auch für mich ermutigende Rückmeldung. Meiner Erfahrung nach sind Ärzte, die ausgebildet sind in rehabilitativer Medizin, Naturheilkunde, traditionell chinesischer Medizin für Fibropatienten geeigneter, als z.B. die leider oft Zeit - knappen Orthopäden oder Rheumatologen.

Herzliche Grüße
S.Meske

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